Rede zum 68. Jahrestag der Zerstörung der Tübinger Synagoge am 09.11.1938



Sehr geehrte Damen und Herren



Wir haben uns Heute hier zusammengefunden um der Ereignisse des 09. November 1938 zu gedenken.

Der 09. November 1938 ist ein dunkler Tag in einer dunklen Zeit der deutschen Geschichte. Heute beziehen wir uns auf die Ereignisse dieses Tages und insbesondere dieser Nacht als „Pogromnacht“. Jedoch ist bis heute der Name „Reichskristallnacht“ der durchaus gängigere Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch. Jeder weiß, was damit gemeint ist, ein jeder sollte aber auch wissen wie verharmlosend dieser Begriff ist. Denn es ging weitaus mehr zu Bruch als nur Kristall. Herzen gingen zu Bruch, Leben, Existenzen. Mit materiellem Schaden ist dies in keinster Weise zu vergleichen. In ganz Deutschland wurden Synagogen zerstört, jüdische Geschäfte geplündert, Menschen wurden verhaftet, viele kamen zu Tode.


Auch wenn gesagt wird der 09. November 1938 habe eine neue Stufe in der Verfolgung jüdischer Frauen und Männer eingeleitet, darf nicht übersehen werden, dass diesem Tag fünfeinhalb Jahre Verfolgung, Unterdrückung und Ausgrenzung vorangingen. „Mit dem Machtantritt der Nazis hat sich über Nacht alles geändert“ erinnerte sich ein ehemaliger Tübinger Jude.


Wenn wir diesen Tag gedenken wollen, so müssen wir uns die damit zusammenhängenden Ereignisse vor Augen führen.


In der Zeit vor 1933 war die jüdische Gemeinde ständig gewachsen. Ihre Mitglieder waren aktiv am gesellschaftlichen, kulturellen, geschäftlichen und politischen Leben beteiligt. Viele hatten am ersten Weltkrieg teilgenommen, ihre deutsche Identität war mindestens genauso stark ausgeprägt wie ihre jüdische, oftmals sogar stärker. 1932 wurde das 50-jährige Bestehen der ……….


Im Jahre 1938 war die Tübinger jüdische Gemeinde schon so gut wie zerstört. Nicht nur Juden, auch bekennende Christen wurden verfolgt, nur weil sie jüdischer Herkunft waren. Die meisten waren schon emigriert, der Verfolgungsdruck war einfach zu stark geworden, ein würdiges Leben meist nicht möglich. Diejenigen die den Repressionen standhielten waren ständig wachsenden Demütigungen ausgesetzt.


Heute, vor 68 Jahren, wurde die Synagoge niedergebrannt - im 55. Jahr ihres Bestehens. Hier, an diesem Ort an dem wir uns befinden, drangen um Mitternacht SA und SS Männer in die Synagoge ein, plünderten den Innenraum und warfen die Kultgegenstände in den Neckar, darunter auch die Thorarollen – eine unzumutbare Demütigung für jeden gläubigen Menschen. Um vier Uhr morgens wurde die Synagoge angezündet. Die Feuerwehr beschränkte sich darauf, das Übergreifen des Brandes zu verhindern. Tags darauf wurden fünf Tübinger Juden verhaftet und in das KZ Dachau gebracht.


Wer nach diesem Tag nicht flüchtete war verloren. Nach 1940 gelang niemandem mehr die Flucht. 21 ehemalige Tübinger Juden wurden, wie man sagte, „nach Osten“ deportiert. Nur einer Überlebte die Todeslager.


Es sind Dinge geschehen, die heute niemand mehr zu begreifen vermag, selbst diejenigen nicht, die es mit eigenen Augen sahen


Wir haben uns Heute hier zusammengefunden um dieser Ereignisse zu gedenken. Der 09.11. ist auch ein Gedenktag, man mag sagen ein besonderer Tag. Dies ist er nicht unbedingt. Ich denke, sie alle stimmen mir zu wenn ich sage, dass das Erinnern, das Gedenken, keines besonderen Tages bedürfen sollte. Vielmehr sollte es, und ist es oft auch, Teil unserer Identität sein – ob deutsch, ob jüdisch, ob beides. Wenn wir unser Handeln danach ausrichten, so etwas gegenüber niemandem wieder geschehen zu lassen, sondern es mit offenem Herzen und offenem Geiste bekämpfen, dann haben wir wahrlich etwas erreicht.


Das bezeugen sie, meine Damen und Herren, und sei es nur durch ihre Anwesenheit.


68 Jahre nach dem Ende der jüdischen Gemeinde Tübingens habe ich heute die Ehre als Repräsentant des jüdischen Vereins Bustan Shalom zu ihnen zu sprechen. Es ist nicht das erste Mal, dass jüdisches Leben in Tübingen wieder aktiv ist, denn das ist es seit Jahrzehnten. Jedoch ist es zum ersten Mal organisiert und öffentlich. Die Erfahrungen der Vergangenheit und eine latente Angst vor Antisemitismus zwangen, mit Ausnahmen, zur Anonymität. Damit soll jetzt Schluss sein.


So sind wir, der jüdische Verein Tübingens Bustan Shalom, bestrebt, das Ziel einer offenen und vorurteilsfreien Gesellschaft mit all unserer Kraft zu fördern.